Agilität – Modewort für Altbekanntes oder Ansatz einer zeitgemäßen Bildung?

“Agil ist keine Methodik; es ist eine Art, sich zu verhalten, es ist eine Kultur, es ist eine Denkweise” (Siegert 2021). Agile Didaktik fußt auf VertrauenZusammenarbeitRückmeldung und einer positiven Fehlerkultur. Sie ist nicht mal neu, sondern als Prinzip bereits uralt.

Quelle: Arn, Christof (2021): Agilität als Raum für Mitsteuerung der Lernenden. In: Kantereit, Tim et al (2021): Agilität und Bildung. Visual Ink Publishing. S. 55

Agile Didaktik steht diametral zur Plandidaktik, die aus Schule, Uni und Referendariat bekannt ist und dort (noch) überwiegend gelehrt wird. Alle Inhalte, Methoden, zu erwerbende Kompetenzen und/oder Lernziele sind im Vorfeld geplant. Agile Didaktik hingegen geht davon aus, dass jede:r ihr eigenes Lernziel verfolgt und die Lehrenden adhoc koordinieren. Sie müssen flexibel sein und spontan gemeinsam mit den Teilnehmer:innen über Inhalt und Methode entscheiden. 

Auch die “Türschwellendidaktik”, bei der man sich als Lehrer:in auf dem Weg zum Klassenraum einen Plan für die Stunde erlebt, ist sicherlich jedem geläufig. Und manchmal sagt man auch, dies seien die besten Stunden. Bösartig könnte man behaupten “agile Didaktik” sei es, wenn man nichts plant und damit in Beliebigkeit abrutscht. Dem ist jedoch nicht so! Im Gegenteil: Man muss sich bewusst machen, dass man sich auf einem Kontinuum zwischen Plandidaktik auf der einen und agiler Didaktik auf der anderen Seite bewegt. Man kann Lernprozesse sehr minutiös durchplanen oder eben mit nichts außer einem leeren Blatt Papier beginnen oder alle Facetten zwischen diesen Extremen nutzen. Tendenziell gilt: Je agiler ein Lernprozess, desto mehr Mitbestimmung und Eigenverantwortung seitens der Lernenden und desto mehr Kommunikation auf Augenhöhe entsteht (siehe Abbildung). 

Dies ist nach Arn aus drei Gründen wichtig:

  1. Der Lernprozess wird wirksamer, Lernwege werden auf die Lernenden hin maßgeschneidert.
  2. Motivation wird gesteigert und Netzwerke zwischen den Lernenden entstehen und werden genutzt.
  3. Die Lernenden lernen eigene Lernprozesse zu steuern. Das ist eigentlich die wichtigste Kompetenz. Lebenslanges Lernen ist heutzutage eine bedeutsame Fähigkeit (ebd. 2021, S. 57).

Kommunikation auf Augenhöhe ist ebenso wichtig. Denn immer wenn ein Gefälle zwischen Lehrenden und Lernenden entsteht, wird den Lernenden vorgehalten, dass ihr Wissen “weniger wert” ist, wird ihnen signalisiert, dass sie ihr eigenes Denken abwerten sollen (Arn 2021, S. 58). Genau dieses Gefälle ist oft für eine konsumierende Haltung der Lernenden – seien es Schüler:innen, Student:innen oder Referendar:innen –  verantwortlich. Kurz gesagt: Wer sich ernst genommen fühlt, ist motivierter, aktivierter und kann sich an seinem eigenen Lernzuwachs erfreuen.   

„Je agiler ein Lernprozess, desto mehr Mitbestimmung und Eigenverantwortung seitens der Lernenden und desto mehr Kommunikation auf Augenhöhe entsteht“

Wissen ist für jede:n, jederzeit, an jedem Ort abrufbar. Lerndende können ein besseres Detailwissen besitzen als Lehrende. Letztere müssen ebenso lernen. Lernen sich auf unterschiedliche Voraussetzungen der Lernenden einzulassen, lernen diese in ihren Fragen zu unterstützen und sich darauf einzulassen, lernen sich regelmäßig auszutauschen, zu vernetzten und zu reflektieren. So funktioniert Lernen in einer Kultur der Digitalität. Lernen ist kein hierarchischer Prozess. Es braucht keine Lehrenden mehr, die ein Wissensmonopol innehaben.

Eines ist klar. Die Welt nach der Schule ist wild, bunt, schrill, multi-perspektivisch, unsicher, komplex und volatil. Die klassische Schulbildung ist geordnet, baut Grenzen und Hürden auf, die die Lernenden überwinden müssen. Klar, das hat den Vorteil, dass alles ordentlich und kontrolliert abläuft. Es bereitet aber nicht auf die reale Welt vor. Lehrende müssen mehr Vertrauen und Zuversicht in das Lernen der Lernenden haben und den Rahmen stecken für die eigenständige Bewältigung, die freie Wahl der Lernwege und ein Lernen bei dem Erkenntnisse und Erfahrungen der Lernenden genauso wichtig sind, wie das Erreichen eines zuvor festgelegten Lernziels (siehe auch Abbildung 2) 

Abbildung 2. Quelle: CC BY Otto Kraz.

Um agile Lernprozesse in Gang zu bringen, bedarf es eines Methodenköchers, aus dem ich je nach Bedarf einen passenden Methodenpfeil ziehe (Metapher frei nach Christof Arn). Solche Methoden sind z. B. die Liberating Structures oder die Rahmenwerke Scrum oder Design Thinking. Auch im Buch von Horst Lempart „52 agile Seminarmethoden“ lassen sich tolle Ansätze finden. Hier gilt: Bestehende Methoden sollten nicht rezeptartig übernommen, sondern als Impulse verstanden und agil an die Lerngruppe angepasst werden. Spiele, experimentiere und passe sie gemeinsam mit der Lerngruppe an. 

Eine umfassende Auseinandersetzung mit agiler Didaktik, sowie konkrete Praxisbeispiele, findet man im Buch „Agilität und Bildung“ auf www.visual-books.com/agilitaet-und-bildung.

Literatur

  • Arn, Christof (2021): Agilität als Raum für Mitsteuerung der Lernenden. 
  • Siegert, Steffen (2021): Von „Agile software development“ zu „Agile in Education“

Beide Artikel in: Kantereit, Tim, Arn, Christof, Bayer, Heinz, Mackevett, Douglas und Lévesque, Veronika (2021): Agilität und Bildung. Visual Ink Publishing, Karlsruhe


CC BY-SA 4.0 Tim Kantereit @herr_ka_punkt, ursprünglich erschienen hier.


Zum Weiterlesen

Ganz viele Impulse für Agilität in der Bildung gibt das bereits erwähnte Buch „Agilität und Bildung“, entstanden in einem kollaborativen Schreibprozess mit 34 Autor:innen und herausgegeben von Tim Kantereit und vier anderen.

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