9 Anzeichen eines zeitgemäßen Unterrichts

Bildungsziele im 21. Jahrhundert

WIR BILDEN DERZEIT LERNENDE FÜR ARBEITSPLÄTZE AUS, DIE NOCH NICHT EXISTIEREN, UM TECHNOLOGIEN EINZUSETZEN, DIE NOCH NICHT ERFUNDEN WURDEN, DAMIT SIE PROBLEME LÖSEN, VON DENEN WIR NOCH NICHT EINMAL WISSEN, DASS SIE PROBLEME SEIN WERDEN.

Richard Riley, US-Bildungsminister unter Präsident Bill Clinton

Die Welt von morgen wird zunehmend komplexer, unsicherere und unbeständiger. Die Automatisierung wird viele Transformationen auslösen. Für ein Leben im 21. Jahrhundert sind andere Kompetenzen wichtig. Daraus lassen sich Bildungsziele ableiten:

Wissen

Damit ist nicht nur traditionelles Wissen in Fächer (z.B. Mathematik, Physik etc.) gemeint, sondern auch und vor Allem fächerübergreifendes Wissen. Auch ist die Rede von neuen Fächern: Robotik, Coding etc.

Skills

  • Kreativität
  • kritisches Denken
  • Kommunikation
  • Kollaboration

Charakter

Hierunter fallen Resilienz, Führungsqualität, Motivation, Durchhaltevermögen, soziale und emotionale Intelligenz.

Meta-Lernen

Hierunter fällt die Fähigkeit selbstgesteuert, lebenslang zu lernen und die Fähigkeit zur Reflexion.

Wie sieht zeitgemäßer Unterricht aus?

WENN WIR LERNENDE HEUTE SO UNTERRICHTEN, WIE WIR GESTERN UNTERRICHTET WURDEN, NEHMEN WIR IHNEN IHR MORGEN.

John Dewey

1. Vertrauen

Vertrauen wird aufgebaut durch…

  • die Mimik und Gestik: Nicken, Lächeln, Augenkontakt, offene Gestik
  • Ehrlichkeit, Authentizität
  • Grundvertrauen herstellen: wenn man positiv herangeht, wird man auch positives ernten
  • Misstrauen und Kontrollzwang, Konkurrenz verhindern Vertrauen

5 Do‘s and 5 Dont‘s für mehr Vertrauen
Eine gute Lehrkraft-Schüler*innen-Beziehung ist lernförderlich (d=0,72 Hattie)

2. Feedback

Feedback ist für den Lernprozess höchst wirksam (d=0,73 Hattie). Dabei sollen aber nicht nur die Schülerinnen Feedback erhalten, sondern auch die Lehrkräfte von ihren Schülerinnen. Lehrkräfte müssen sich ebenfalls als Lerner sehen und können über Feedback an ihrer Professionalisierung arbeiten (Formative Evaluation des Unterrichts d=0,9). Feedback und Reflexion machen außerdem Lernen sichtbar.

3. Fehlerkultur: Fehler gehören zum Lernprozess!

Fehler sind nicht negativ zu werten. Sie sind Ausgangspunkt für weiteres Lernen. Darum ist die permanente Veröffentlichung von Ergebnissen oder Erkenntnissen und die Rückmeldung durch andere absolut wichtig. Ein fehlerfreundliches Klima reduziert auch Ängste (d=0,4 Hattie)

4. Orientierung: Ein Ziel! Aber der Weg ist egal!

Lernen braucht ein „Ziel, das zieht“ (Arn 2017). Dieses Ziel ist als grober Wegweiser zu verstehen. Alles was jemand tut, um diesem Ziel nahe zu kommen, ist gut. Dabei dürfen auch Irrwege und Sackgassen genommen werden. Es gibt keinen linearen Weg zum Ziel. Es muss sich um ein Ziel handeln, dass Sinn macht es zu erreichen. Arn nennt es „Wirkungsorientiertes Ziel“, d.h. man es zeigt Wirkung, wenn man es erreicht hat.

Ziele d=0,56 Hattie

5. Kollaboration: Zusammen sind wir stark!

Ziel ist es die SuS durch eine herausfordernde Aufgabe (Problemlösen d=0,61 Hattie), an die sie gemeinsam gehen, aus ihrer Komfortzone zu holen. Das gewohnte, sichere Gebiet zu verlassen und sich in die Ungewissheit zu stürzen, zu schwimmen, zunächst nicht den richtigen Pfad zu sehen. Gemeinsam können sie es schaffen, diese Aufgabe zu bewältigen (Kooperatives Lernen d=0,41 Hattie).

6. Rolle der Lehrkraft: Wissens-vermittler oder Lernbegleiter?

Er ist beides! Mal mehr das eine, mal mehr das andere. Dazu ist es wichtig, unterschiedliche Phasen im Unterricht zu nutzen. Der klassische Lehrervortrag ist nach wie vor ein Element der Wissensvermittlung (Direkte Instruktion d=0,59). In anderen Phasen ist vielleicht Anwendung des Gelernten wichtig. Hier kann er Prozesse eher begleiten und die Kraft der Peergroup nutzen. In diesem Fall ist es unbedingt wichtig, dass der Lehrer NICHT in die Rolle des Vermittlers fällt.

7. Methoden und Medien: Schüler*innen zu Eigenständigkeit führen

Dies kann gelingen, wenn Schüler*innen mehr Freiraum bei der Wahl ihrer Mittel gegeben wird. Agile Methoden wie Scrum, Liberating Stuctures, Design Thinking u.a. sind gute Möglichkeiten, Schüler in Eigenständigkeit zu führen. Digitale Medien spielen in der Kollaboration und der Kommunikation eine große Rolle. Smartphones gehören in die Schule!

8. Agile Didaktik: Lehrer*innen sind aufmerksam für die Bedürfnisse der Lernenden

Agil unterrichten bedeutet, sich auf dem Kontinuum zwischen UnterrichtsPLANung und Entscheidungen IM Unterricht zu bewegen, wobei der Fokus auf den spontanen Entscheidungen liegt. So lässt sich Lernendenorientiert arbeiten. Man schärft die Sinne für den Punkt an dem die Lerner sind.

9. Formatives Assessment: Lernen sichtbar machen!

Heißt es bei Hattie. Meta-Lernen in Form von Reflektion ist Bildungsziel des 21. Jahrhunderts. Also müssen formative Leistungsbewertungen in den Vordergrund rücken. D.h. der Einsatz von ePortfolios, Blogs, Social Media, LMS, Podcasts, digitalen Pinnwänden etc. ist gefragt. Durch digitale Lernprodukte entstehen neue Möglichkeiten der Kollaboration und Kommunikation.

Der zeitgemäße Unterrichtsenwurf

So denken Schüler*innen über zeitgemäßen Unterricht

Zeitgemäßer Unterricht hat viele Formen: Tradioneller Lehrgang, Scrum, Breakouts, Projekte usw. Oft wird der tradionelle Unterrichtsgang – Einstieg, Erarbeitung, Sicherung – abgelöst. Es gibt dann keinen gemeinsamen Einstieg mehr, oder die Erarbeitung unterschiedlicher Aufgaben erzeugt unterschiedliche Ergebnisse, manchmal sind es auch keine Ergebnisse, sondern Erkenntnisse. In Scrum werden unterschiedliche Lernprodukte angefertigt und in der einen Stunde gibt es dann auch mal gar kein Ergebnis.

Dies zeigt, dass Unterricht eine andere Planung benötigt. Ich halte daher einen Ansatz für nötig, der flexibel ist: Flexibel in der Gestaltung wo man anfängt. Bei der Sache oder doch beim Medium? Wo auch immer man seine Planung beginnt, wichtig ist, dass alle Teile sich gegenseitig bedingen. Das Berliner Modell macht das deutlich.

Desweiteren gibt das Lehr-Lern-Modell von Leisen eine gute Möglichkeit vor, das Lernarrangement zu planen.

Die Lehrkraft entwickelt eine gute Aufgabenstellung. Dazu kann Sie zum Beispiel eine Lernaufgabe entwickeln, oder auch mal eine traditionelle Stunde vorbereiten, in der sie als Wissensvermittler auftritt. Wichtig ist die 4K mitzudenken. Wie initiiert man echte Kollaboration? Wie Kommunikation? Wie regt man kritisches Denken an? Wie Kreativität?

Weiter muss sie planen mit welchen Medien und welchen Methoden sie den Lernprozess der SuS initiieren will.

Auch sollte überlegt werden, welche Handlungen die Lehrkraft bei der Begleitung der SuS im Lernprozess einnehmen soll.

Weiter muss bedacht werden wie man und in welcher Form Feedback und Meta-Lernen in den Stunden berücksichtigt.

Gestaltungsmöglichkeiten?!

Ich denke, die Textsorte „Unterrichtsentwurf“ darf gerne ein paar kosmetische Veränderung verpasst bekommen. So könnte die Lerngruppenbeschreibung vielleicht tabellarisch erfolgen, Stundenzusammenhänge durch ein Flow Chart oder eine Concept Map verdeutlicht werden. Generell sollte man darüber nachdenken auch Video- und/oder Audiomaterial mit einzubeziehen.

Ein paar Anregungen, zur Gestaltung eines zeitgemäßen Entwurfs findest du hier:

Planungsstruktur mit Prezi

Lesson design mit Padlet

Alle Überlegungen zum zeitgemäßen Unterricht findest du übrigens in diesem Wakelet zusammengefasst:

Link zum #zeitgemäßenUnterrichten

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CC BY-SA 4.0 Tim Kantereit

Ursprünglich veröffentlicht als Adobe Spark Präsentation und hier auch als Hörbeitrag.


Zum Weiterlesen

Die „9 Anzeichen eines zeitgemäßen Unterrichts“ bildeten die Basis für den Book Sprint „Hybrid-Unterricht 101“.

Dabei herausgekommen ist die erste Handreichung für Hybrid-Unterricht, gerade während und auch nach Corona, mit vielen weiteren Impulsen zum Thema zeitgemäß unterrichten.